Physio Blog: gesundheits- und Trainingstipps

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Chronische Schmerzen in der Physiotherapie

1. Chronische Schmerzen – was ist das und warum sind sie anders als akute Schmerzen?

Schmerz ist zunächst etwas Sinnvolles, da er als uns vor Verletzungen oder Überlastung warnt. Wenn wir uns zum Beispiel den Knöchel verstauchen oder eine Muskelzerrung haben, signalisiert uns der Schmerz einen drohenden Schaden. Er ist gewissermaßen eine Gefahrenbotschaft. Du kannst dir das vorstellen wie beim Auto das Piepen beim Rückwärtsfahren- wenn du dem hinteren Auto zu nahekommst, piept es zunehmend lauter, um einen Auffahrunfall zu vermeiden.

In der Regel verschwindet dieser Schmerz wieder, sobald das Gewebe geheilt ist. Von chronischen Schmerzen spricht man dagegen, wenn Schmerzen länger als drei Monate bestehen oder immer wieder auftreten – oft ohne klare akute Verletzung. Das Schmerzsystem selbst kann empfindlicher werden. Der Körper befindet sich gewissermaßen in einer Art „Alarmzustand“, obwohl die ursprüngliche Ursache längst abgeheilt sein kann.

Schmerz wird dann weniger zu einem reinen Warnsignal und mehr zu einem komplexen Zusammenspiel aus körperlichen, neurologischen und psychosozialen Faktoren. Im Beispiel mit der Rückwärtsfahrhilfe im Auto, könnte man sagen, dass der Alarm immer losgeht-auch wenn das hintere Auto noch 20 m entfernt ist.

Heute erhälst du Tipps wie moderne, evidenzbasierte Physiotherapie helfen kann.

 

2. Wie entstehen chronische Schmerzen? – Ein Blick in die Physiologie

Die moderne Schmerzforschung beschreibt Schmerzen als ein Zusammenspiel verschiedener Ebenen im Nervensystem. Vereinfacht lassen sich drei Ebenen unterscheiden:

1. Periphere Ebene – das Gewebe und die Nerven

An der peripheren Ebene – also in unserem Gewebe und unseren Nerven – sitzen die „Gefahrenmelder“ des Körpers. Diese kannst du dir wie Reporter vorstellen, die etwas schreiben, sobald es in ihr Aufgabengebiet fällt. Der Sportreporter berichtet nur über Sportereignisse und der Klatschreporter über die gescheiterte Ehe eines C-Promis. Wenn jetzt etwas passiert, dass in den Bereich eines Reporters fällt, schreibt er einen Bericht und sendet ihn per Post an die Redaktion.

Nach Verletzungen oder Entzündungen werden diese Reporter manchmal „empfindlicher“. Das bedeutet, dass schon kleine Dinge – wie leichter Druck, Bewegung oder Temperaturänderungen – viel stärker wahrgenommen werden als vorher. Fachleute nennen das „periphere Sensibilisierung“.

Manchmal zeigt sich das als:

  • Allodynie: Dinge tun weh, die vorher gar nicht wehgetan haben (z.B. hatte ich einen Patienten in meiner Physiotherapiepraxis, der ein halbes Jahr nach einer Operation immer Schmerzen im Fuß hatte, wenn die Decke darauf lag- obwohl die Wunden geheilt waren)
  • Primäre Hyperalgesie: Dinge, die schon wehgetan haben, tun jetzt noch mehr weh (Der Körper möchte schon verletzte Stellen schützen).

Warum passiert das? Auf der Ebene der Nerven werden mehr „Reporter“ gebaut, die besonders schnell und aufgeregt berichten. Das ist vergleichbar mit der Winterolympiade- auf einmal wird alles was damit zu tun hat interessant. Zum Beispiel: Immer, wenn der Biathlet eine grüne Unterhose trägt, dann bleibt er beim Schießen fehlerfrei. Normal interessiert es keinen was für eine Unterhose er trägt, aber weil Olympia ist, wird’s auf einmal berichtenswert…

2. Rückenmarksebene – die zentrale Verarbeitung

Im Rückenmark werden die eingehenden Signale gewissermaßen gefiltert, gegebenenfalls verstärkt und weitergeleitet. Du kannst dir das wie die Poststationen vorstellen, in der alle einkommenden Briefe sortiert. Manche Briefe müssen als Eilmeldung versendet werden, manche als normale Sendung. Bei chronischen Schmerzen kann sich auch hier die Verarbeitung verändern. Das heißt alle Sendungen werden auf einmal zu Eilsendungen und besonders gut weitergegeben- einfach, weil der Körper lernt, dass oft etwas von dem Reporter kam und es immer wichtig war.

Bestimmte Nervenzellen reagieren dann stärker auf eingehende Signale. Gleichzeitig kann die hemmende Wirkung des Nervensystems – also die Fähigkeit, Schmerzsignale zu dämpfen – reduziert sein. Das Ergebnis: Signale werden verstärkt weitergeleitet. Ein relativ kleiner Reiz kann dadurch als deutlich stärkerer Schmerz wahrgenommen werden.

Dieses Phänomen nennt man zentrale Sensibilisierung. Oft sagt man auch, dass die Alarmanlage hochgeregelt ist.

3. Gehirnebene – Bewertung und Bedeutung

Schmerz entsteht letztlich im Gehirn. Dort werden alle eingehenden Informationen bewertet: körperliche Signale, frühere Erfahrungen, Emotionen, Stress, Erwartungen oder auch Angst vor Bewegung. In Vergleich mit unserem Retro-Reporter (Vor dem Internet) wäre das gehirn die Redaktion die die Schlagzeile aus der Meldung des Reporters erstellt.

Das Gehirn entscheidet dann, ob ein Schmerzsignal sinnvoll ist, um den Körper zu schützen.

Bei chronischen Schmerzen kann das Gehirn in einen dauerhaften Schutzmodus geraten. Bewegungen, Belastungen oder sogar bestimmte Situationen können dann Schmerz auslösen – auch wenn objektiv keine Gefahr für das Gewebe besteht.

Ein bekanntes Beispiel aus dem Buch Schmerz verstehen, von Lorimer Mosley, dass ich jedem empfehlen kann, der mehr über die Ursache von Schmerz erfahren will:
Wenn ein Rauchmelder zu empfindlich eingestellt ist, schlägt er bereits Alarm, wenn jemand Toast macht – nicht nur bei einem echten Brand.

Ähnlich kann ein überempfindliches Schmerzsystem reagieren.

3. Ein moderner Therapieplan in der Physiotherapie bei chronischen Schmerzen

In der Physiotherapie unterscheidet sich die Behandlung chronischer Gefahrenbotschaften deutlich von der Therapie akuter Verletzungen. Ziel ist es, das überempfindliche Alarmsystem wieder zu beruhigen und Belastbarkeit schrittweise aufzubauen.

Bei Zielon Physiotherapie Bayreuth besteht unsere Behandlung deswegen aus vier zentralen Bausteinen:

chronische Schmerzbehandlung bei Zielon Physiotherapie Bayreuth

1. Graded Activity – Belastung schrittweise steigern

Bei chronischen Problemen entsteht häufig ein Teufelskreis aus Schmerz, Schonung und zunehmender Unsicherheit bei Bewegung.  Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen nutzt man Graded Activity.

Graded Activity bedeutet, Aktivitäten systematisch und kontrolliert wieder aufzubauen. Dabei wird die Belastung in kleinen, vorher festgelegten Schritten gesteigert – unabhängig von tagesaktuellen Schmerzschwankungen. Das Ziel ist, Vertrauen in Bewegung zurückzugewinnen und die körperliche Belastbarkeit langsam zu erhöhen

2. Schmerz verstehen – Aufklärung über Schmerzmechanismen

Wissen kann Schmerzen verändern. Etliche Übersichts-Studien zeigen, dass Patientinnen und Patienten, die verstehen, wie Schmerz funktioniert, weniger Angst vor Bewegung haben und aktiver mit ihrer Situation umgehen können. Es geht sogar so weit, dass der Schmerz reduziert wird- nur dadurch, dass man weiß wie Schmerz funktioniert.

Die sogenannte Schmerzaufklärung erklärt:

  • warum Schmerzen auch ohne Gewebeschaden auftreten können
  • warum Bewegung trotzdem sicher sein kann
  • wie das Nervensystem auf Stress, Schlafmangel oder Angst reagiert

Dieses Verständnis ist ein wichtiger Schritt, um das Schmerzsystem zu beruhigen. Deswegen nehme ich mir in meiner bayreuther Physiotherapiepraxis die Zeit, dies zusammenhänge anschaulich zu erklären. 

3. Pacing – Aktivität sinnvoll dosieren

Viele Menschen mit chronischen Schmerzen erleben ein typisches Muster:
An guten Tagen wird sehr viel gemacht, an schlechten Tagen ist kaum Aktivität möglich. In der Physiotherapie nennen wir diesen Wechsel von Extremen Boom-Bust-Phänomen.

Dieses „Boom-Bust-Muster“ kann Schmerzen langfristig verstärken. Pacing bedeutet daher, Aktivitäten gleichmäßiger zu verteilen und Überlastungen zu vermeiden. Ziel ist ein stabiles Aktivitätsniveau, das Schritt für Schritt erweitert werden kann.

4. Schlafhygiene – erholsamer Schlaf als Therapie

Schlaf und Schmerz beeinflussen sich gegenseitig stark. Schon zwei Nächte mit wenig Schlaf erhöhen die Schmerzintensität um 50%.  Schlechter Schlaf kann das Schmerzsystem empfindlicher machen, während Schmerzen wiederum den Schlaf stören. Schlaf ist aber noch mehr als nur schmerzbeeinflussend. Wusstest du zum Beispiel, dass Schlafmangel dich 4,5-mal anfälliger macht für Infektionskrankheiten wie Erkältungen?  Deswegen frage ich persönlich jeden Patienten in der ersten Physiotherapieeinheit wie seine/ ihre Schlafqualität ist und gebe gegebenenfalls Tipps mit, um ihn zu verbessern.

Um besser schlafen zu können findest du hier Tipps zur Schlafhygiene

Verbesserter Schlaf kann die Schmerzverarbeitung im Nervensystem positiv beeinflussen.

4. Chronische Schmerzen diagnostisch positiv verstehen

In der modernen Physiotherapie werden chronische Schmerzen zunehmend positiv diagnostiziert. Das bedeutet: Die Diagnose basiert nicht nur darauf, dass „nichts gefunden wurde“.

Stattdessen gibt es typische Merkmale, die für ein chronisch sensibles Schmerzsystem sprechen können, zum Beispiel:

  • Schmerzen bestehen länger als drei Monate
  • die Schmerzintensität schwankt stark
  • Schmerzen treten auch ohne klare strukturelle Ursache auf
  • Belastung oder Stress beeinflussen die Schmerzen deutlich
  • Bewegungsangst oder Vermeidungsverhalten haben sich entwickelt

Diese Merkmale helfen dabei, die Behandlung gezielt auf das Nervensystem und die Belastungssteuerung auszurichten.

Fazit

Chronische Schmerzen sind kein Zeichen von Schwäche und auch nicht einfach „eingebildet“. Sie entstehen durch komplexe Veränderungen im Nervensystem – von der Peripherie über das Rückenmark bis hin zum Gehirn.

Die gute Nachricht: Das Schmerzsystem ist lernfähig.
Mit gezielter Aufklärung, angepasster Bewegungstherapie, sinnvoller Belastungssteuerung und ausreichendem Schlaf kann sich die Empfindlichkeit des Systems wieder verändern.

Moderne Physiotherapie unterstützt genau diesen Prozess – Schritt für Schritt zurück zu mehr Beweglichkeit, Belastbarkeit und Lebensqualität.

Quellen:

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