Physio Blog: gesundheits- und Trainingstipps

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Gelenkhemmung (Arthrogene Muskelinhibition) – Wenn das Gelenk den Muskel „abschaltet“

Zauberhafte Körper

Der menschliche Körper ist die unglaublichste Schöpfung/ evolutionsbiologische Entwicklung auf diesem Planeten. Die Begeisterung wie der menschliche Körper funktioniert war die Basis für mein Studium der Physiotherapie.  Im Praxisalltag als Physiotherapeut sehe ich diese Faszination auch bei vielen Patienten, dir mir Fragen zum menschlichen Körper stellen. Eines der Themen, das nach Physiomagie klingt ist die Gelenkhemmung.

Gelenkhemmung beschreibt ein seltsames Symptom: Kurz nach der Operation schrumpft der Muskel innerhalb von kürzester Zeit deutlich. Wenn jemand eine Pause beim Krafttraining im Fitnessstudio einlegt, ist Muskelschwund erst nach ca. 14 Tagen messbar[vgl. Hypertrophie Theorie und Praxis].Nach Operationen allerdings tritt das schon nach wenigen Stunden oder Tagen auf. Es gibt sogar eine faszinierte Studie, die zeigte, dass ein Schmerzreiz im Rückenstrecker innerhalb von einer Stunde 25% weniger Muskel-Volumen auslöste.

In diesem Blogartikel siehst du hinter die Kulissen und verstehst wie dieser Zaubertrick der Physiologie funktioniert.

Mechanismen

Bei Zielon Physiotherapie Bayreuth behandle ich viele Patienten nach einer Operation. Eine der wichtigsten Maßnahmen nach einer Op ist es für mich als Physiotherapeut zu erklären, was in den kommenden Wochen zu erwarten ist.

Welche Mechanismen stecken jetzt hinter der mysteriösen Gelenkhemmung?

Mechanismus AMI in der Physiotherapie

1.Gelenkebene

Nach einem Schaden an einem Gelenk- wie zum Beispiel nach einer Operation oder nach einer Verletzung entstehen häufig Begleiterscheinungen wie:

  • Entzündungen
  • Schwellungen
  • eine verminderte Gelenkstabilität
  • Veränderungen oder Schäden an den Gelenkrezeptoren (Rezeptoren sind Sensoren wie beim Auto der Piepser beim Rückwärtsfahren)

Diese Veränderungen beeinflussen die Informationen, die vom Gelenk an das Nervensystem weitergeleitet werden.

2. Rückenmark

Das Nervensystem reagiert mit einer Schutzstrategie. Die veränderten Signale aus dem Gelenk führen dazu, dass das Nervensystem die Aktivierung bestimmter Muskeln reduziert. Vereinfacht gesagt erhält der Muskel nicht mehr den gleichen „Aktivierungsbefehl“ wie vor der Verletzung.

Gleichzeitig werden Reflexmechanismen aktiviert, die die Muskelanspannung zusätzlich bremsen. Diese Reaktion scheint eine Art Schutzfunktion des Körpers zu sein, um das verletzte Gelenk vor weiterer Belastung zu bewahren.

Günther Jauch Wissen: Was genau im Rückenmark passiert

verstärkter Flexionsreflex/ H-Reflex  – der Körper geht in den Schutzmodus

Der Flexionsreflex ist ein natürlicher Schutzreflex. Wenn ein Gelenk verletzt oder gereizt ist, versucht der Körper automatisch, die belastete Region zu schützen. Dabei werden Bewegungen begünstigt, die das Gelenk entlasten, während andere Muskelaktivitäten gehemmt werden.

Man kann sich das wie einen eingebauten Schutzmechanismus vorstellen: Das Nervensystem „glaubt“, dass das Gelenk gefährdet ist, und reduziert deshalb die Aktivität bestimmter Muskeln. Kurzfristig kann das sinnvoll sein, langfristig kann es jedoch dazu führen, dass Kraft und Bewegungsfunktion eingeschränkt bleiben.

Erhöhte 1b-Hemmung – die Sicherheitsbremse wird empfindlicher

Die sogenannte 1b-Hemmung ist eine Art Sicherheitsbremse des Nervensystems. Normalerweise verhindert sie, dass Muskeln oder Sehnen überlastet werden.

Nach einer Gelenkverletzung kann diese Bremse stärker als nötig aktiviert sein. Das Nervensystem reagiert dann besonders vorsichtig und reduziert die Muskelaktivierung bereits bei vergleichsweise geringer Belastung. Die Folge: Obwohl man versucht, den Muskel kräftig anzuspannen, kommt nicht die volle Kraft am Muskel an.

Für Betroffene fühlt sich das oft so an, als würde der Muskel „nicht richtig mitarbeiten“.

α-γ-Loop-Dysfunktion – gestörte Kommunikation zwischen Muskel und Nervensystem

Der sogenannte α-γ-Loop (Gamma-Loop) ist ein Regelkreis zwischen Muskel, Muskelspindeln und Nervensystem. Seine Aufgabe besteht darin, dem Gehirn und Rückenmark ständig Informationen über die Muskelspannung und die Gelenkstellung zu liefern.

Werden durch eine Gelenkverletzung Rezeptoren geschädigt oder die normale Signalübertragung gestört, kann dieser Regelkreis aus dem Gleichgewicht geraten.

Vereinfacht bedeutet das: Die Kommunikation zwischen Gelenk, Muskel und Nervensystem funktioniert nicht mehr optimal. Dadurch erhält das Nervensystem weniger präzise Informationen und kann den Muskel schlechter ansteuern. Die Muskelaktivierung wird ineffizienter und die Kraftentwicklung nimmt ab.

Physiotherapeut erklärt alfa-gamma Loop

3. Zusammenspiel der Mechanismen

Diese drei Mechanismen wirken nicht isoliert. Zusammen sorgen sie dafür, dass die Motorneurone nicht mehr wie gewohnt arbeiten können. Motorneurone sind die Nerven, de dem Muskel sagen, dass er anspannen soll. Auf einer Baustelle wären sie die Vorarbeiter, die den Arbeitern sagen, wie sie arbeiten sollen. In diesem Beispiel ist der Vorarbeiter heißer und wird deswegen kaum gehört, wodurch die Arbeit liegen bleibt.

Das Ergebnis ist die typische Gelenkhemmung: Der Muskel ist vorhanden und grundsätzlich funktionsfähig, kann aber vom Nervensystem nicht mehr vollständig aktiviert werden. Dadurch entsteht das Gefühl von Schwäche, Instabilität oder mangelnder Kontrolle über die Bewegung.

Warum sich der Muskel schwach anfühlt

Durch diese Schutzmechanismen werden die Nervenzellen, die den Muskel ansteuern, weniger erregbar. Obwohl der Muskel selbst oft gesund ist, kann er deshalb nicht seine volle Kraft entfalten.

Für Betroffene kann sich das äußern als:

  • Kraftverlust
  • Unsicherheit bei Bewegungen
  • Schwierigkeiten, den Muskel gezielt anzuspannen
  • langsamer Fortschritt beim Krafttraining

Auch das Gehirn spielt eine Rolle

Nicht nur das Gelenk und das Rückenmark sind beteiligt. Auch die Steuerung durch das Gehirn kann beeinflusst werden. Dadurch fällt es manchmal schwerer, einen Muskel bewusst und kräftig anzusteuern, selbst wenn man sich sehr bemüht.

Die Mechanismen von AMI kann man zusammenfassen als:

Gelenkhemmung entsteht nicht, weil ein Muskel „faul“ oder dauerhaft geschwächt ist. Vielmehr verändert eine Gelenkverletzung die Signale zwischen Gelenk, Nervensystem und Muskulatur. Der Körper reduziert daraufhin die Muskelaktivierung als Schutzreaktion. Das Ergebnis ist ein Muskel, der sich schwach anfühlt und nicht mehr seine volle Leistung abrufen kann – obwohl das eigentliche Problem im Zusammenspiel von Gelenk und Nervensystem liegt.

Bei welchen Krankheiten/ Verletzungen gibt es häufig AMI

  • Arthrose
  • Arthritis (~ aktivierte Arthrose)
  • Vordere Knieschmerzen
  • Sturz auf Kniescheibe
  • Riss des vorderen Kreuzbands
  • Meniskusschaden
  • Knieprothese
  • Umknicken des Knöchels

Welche Muskeln sind betroffen

betroffene Muskeln Gelenkhemmung

Behandlung der Gelenkhemmung

Einer meiner Leitsätze als Physiotherapeut ist: „Use it or loose it“. Das heißt wen man den Körper trainiert wird er besser und wenn man ihn nicht trainiert baut er ab. Das gilt auch glücklicherweise bei der arthrogenen Gelenkshemmung. Die gute Nachricht: Gelenkhemmung lässt sich mit Physiotherapie gezielt beeinflussen. Wie fast immer zeigen besonders aktive Rehabilitationsmaßnahmen gute Ergebnisse.

Training als zentrale Therapie

Training gilt als wichtigste Maßnahme zur Behandlung der arthrogenen Muskelinhibition. Dabei ist es fast egal welche Trainingsform gewählt wird, solange die Trainingsprinzipien angewendet und das Training schwer genug gestaltet wird.

Manche Autoren beschrieben die größten Effekte bei exzentrischem (abbremsenden Training). Interessanter weise kann ein Training der Gegenseite, beispielsweise wenn der Fuß in einem Gipsfixiert ist, auch Anpassungen in der nicht bewegte Seite auslösen. Ca 8% des  Trainings der gesunden Seite wird übertagen.

Studien zeigen:

•             signifikante Kraftverbesserungen

•             bessere neuromuskuläre Kontrolle

•             funktionelle Verbesserungen

Mögliche Therapieformen in der Physiotherapie

Biofeedback

Auch wenn gilt, dass jede Trainingsform den Muskel trainiert kann Biofeedback die Rehabilitation zusätzlich unterstützen. Biofeedback ist der Sammelbegriff für Geräte die einem, während des Trainings, visuelle oder akustische Rückmeldung geben, ob der Muskel gut angesteuert wird.

Es wurde beispielsweise nachgewiesen, dass Biofeedback die Kniestreckung schneller verbessert und der Patient schneller stärker wird. Übrigens: Bei Zielon Physiotherapie Bayreuth haben wir ein mechanisches Biofeedback…

Elektrotherapie kombiniert mit Training

Die Kombination aus Elektrostimulation und aktivem Training zeigt in vielen Studien positive Effekte:

•             mehr Muskelkraft

•             weniger Schmerzen

•             verbesserte Beweglichkeit (ROM)

Besonders in frühen Rehabilitationsphasen kann dies hilfreich sein.

ABER: Wenn jemand ohne Elektrotherapie trainiert erzielt er meistens die gleichen Ergebnisse. Also gilt wie beim E-Bike: Weniger Elektro und mehr Muskeleinsatz 😉.

Motor Imagery und Kryotherapie vor dem Training

Motor Imagery – also das mentale Vorstellen von Bewegungen – kann die neuronale Aktivierung verbessern. Denke hierbei an Bob Sportler, die vor der Abfahrt die Augen schließen und die Rennbahn schonmal im Kopf abfahren.

Auch Kryotherapie vor dem Training zeigt positive Effekte:

Kryotherapie klingt kompliziert meint aber nichts anderes als das betroffene Körperteil vor dem Training mit Eis oder Ähnlichem zu kühlen.

•             reduzierte Schmerzen

•             verbesserte Muskelaktivierung

•             bessere Regeneration

Die Kombination aus mentalem Training und Kühlung scheint besonders interessant zu sein.

Hinweis: In neueren Studien wird bei den Sofortmaßnahmen häufig keine Kühlung mehr empfohlen [Dubios 2019]

Kinesio-Taping

Die meisten guten Physiotherapeuten schlagen erstmal die Hände über den Kopf zusammen, wenn sie Kinesio-Tape hören- und das zurecht, weil nachgewiesen wurde, dass es in fast allen Fällen keinen Mehrwert in der Physiotherapie bietet.

Bei Gelenkhemmung ist es aber ausnahmsweise mal sinnvoll, wenn Kinesio-Taping ergänzend eingesetzt wird. Untersuchungen zeigen:

•             reduzierte Schwellung

•             geringere Schmerzen

•             bessere Funktion im Vergleich zu Training allein

Die Wirkung beruht vermutlich auf sensorischer Stimulation und verbesserten propriozeptiven Rückmeldungen. Auf gut Deutsch: Wenn der Papa die Tochter an die Hand nimmt, fühlt sie sich sicherer beim Überqueren der Straße. Anders gesagt, dass Kinesiotape sagt deinem Körper: Hallo da ist jemand und steigert somit die Aufmerksamkeit dem getapten Körperteil zuteilwird.

Vibrationstraining vermeiden

Die Studienlage zu Vibrationstraining bleibt uneindeutig. Einige Untersuchungen zeigen positive Effekte auf Muskelaktivierung und Kraft, andere finden keinen klaren Vorteil.

Da Vibrationsplatten aber in der Physiotherapie nach Operationen schädlich sein können, da sie Schrauben lösen können, rate ich von der Nutzung ab.

Ableitung Praxisnutzen

  • 24 Stundenregel: Training sollte fast nie mehr als 3/10 (bzw. 4-5/10, wenn es während dessen nicht schlimmer wird) weh tun. Wenn man in den Schmerz trainiert, kann das Muskelwachstum gehemmt werden.
  • Schwellung in den ersten Tagen minimieren mit dem PEACE- Maßnahmen

 

Magie Muskelinhibition

Magie wird entzaubert, sobald man einmal hinter die Kulissen geschaut hat und versteht wie die Zaubertricks funktionieren. Allerdings bedeutet Entzauberung nicht, dass die Welt ärmer wird, sondern dass ihr Wunder einen neuen Namen bekommen.

Lumos, Expecto Patronum oder Arthrogene Muskelinhibition-Auch wenn du jetzt verstehst wie Gelenkhemmung funktioniert, hoffe ich dass deine Begeisterung für den Körper nicht abgenommen hat, sondern du im Gegenteil  noch mehr von der Magie deines Körpers begeistert bist.

Quellen und vertiefende Literatur

Paço M, Peysson M, Dumont E, Correia M, Quialheiro A, Chaves P. The Effect of Physiotherapy on Arthrogenic Muscle Inhibition After ACL Injury or Reconstruction: A Systematic Review. Life (Basel). 2024 Dec 2;14(12):1586. doi: 10.3390/life14121586. PMID: 39768294; PMCID: PMC11678747.

Norte, G., Rush, J., & Sherman, D. (2022). Arthrogenic Muscle Inhibition: Best Evidence, Mechanisms, and Theory for Treating the Unseen in Clinical Rehabilitation. Journal of Sport Rehabilitation, 31(6), 717-735. Retrieved Jun 18, 2026, from https://doi.org/10.1123/jsr.2021-0139

Rice & McNair, Quadriceps Arthrogenic Muscle Inhibition: Neural Mechanisms and Treatment Perspectives,Seminars in Arthritis and Rheumatism, Volume 40, Issue 3, 2010, Pages 250-266, https://doi.org/10.1016/j.semarthrit.2009.10.001.

Kim KM, Kim JS, Cruz-Díaz D, Ryu S, Kang M, Taube W. Changes in Spinal and Corticospinal Excitability in Patients with Chronic Ankle Instability: A Systematic Review with Meta-Analysis. J Clin Med. 2019 Jul 16;8(7):1037. doi: 10.3390/jcm8071037. PMID: 31315231; PMCID: PMC6678466.

Kim KM, Needle AR, Kim JS, An YW, Cruz-Díaz D, Taube W. What interventions can treat arthrogenic muscle inhibition in patients with chronic ankle instability? A systematic review with meta-analysis. Disabil Rehabil. 2024 Jan;46(2):241-256. doi: 10.1080/09638288.2022.2161643. Epub 2023 Jan 17. PMID: 36650898.

Dubois B, Esculier JF. Soft-tissue injuries simply need PEACE and LOVE. Br J Sports Med. 2020 Jan;54(2):72-73. doi: 10.1136/bjsports-2019-101253. Epub 2019 Aug 3. PMID: 31377722.

Geisler, Stephan, et al. Hypertrophietraining: Wissenschaft und Praxis für optimalen Muskelaufbau. Mit über 50 Übungsanalysen, Trainingsplänen und Ernährungsempfehlungen. Riva Verlag, 2022.

In diesem Blogartikel siehst du hinter die Kulissen und verstehst wie dieser Zaubertrick der Physiologie funktioniert.

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